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Was wollen 45 Kletterer in einem Reisebus nach Polen?

Polen - also mal überlegen: Danziger Werft, Solidarnosz, Lech Walesa, Papst Woityla, EU-Beitritt, umlackierte deutsche Gebrauchtwagen, Schwarzarbeit, Wodka, Wisente, … aber klettern? Geht nicht Europa östlich von Oder und Neiße in ein unendliches, sumpfiges Flachland über, bis es jenseits des Ural als noch unendlicheres asiatisches Flachland schließlich an den Pazifik stößt?

Klettern in Polen? Unser polnischer Exilfachübungsleiter Robert Rurkowski hat im Falkengebirge, dem nördlichen Ausläufer des Riesengebirges, die ersten Schritte in die Vertikale unternommen, und seit jenen fernen Tagen ist er zu mindestens genauso riesigem Format wie sein Heimatgebirge herangewachsen. Fels und heimische Kost haben sich also augenscheinlich prächtig auf seine Entwicklung ausgewirkt. Nach blumigster Schilderung der landschaftlichen, sportlichen und kulinarischen Vorzüge der Heimat Rübezahls sind wir im Mai 2005 schließlich aufgebrochen, die Behauptungen einer kritischen Prüfung zu unterziehen und unseren Kletterhorizont ein gehöriges Stück in Richtung Osten zu erweitern.

(1) Die Anreise

Kinder sind nicht niemand. Das weiß man, wenn man sie schreien hört. Wer so laut schreit, der ist wer. Und wer wer ist, der braucht auch ein behördliches Dokument. Jedenfalls, wenn er nachts an der polnischen Grenze in einem Reisebus sitzt und einreisen will. Da lassen Grenzer nicht mit sich handeln, weder deutsche, noch polnische.

Man könnte zur Beschleunigung der Einreise einen eine gewisse Kaufkraft ermöglichenden Schein in ein gefaltetes Dokument legen, aber eben nur, wenn man eins hat. Und das Kind hatte keins. Ein beinahe unauflösbares Dilemma.

Die Zerschlagung des - sagen wir mal "lukasschen"-Knotens dauerte 2 Stunden. Zwar war die Tatsache der Kindesgeburt augenscheinlich. Es wohnte nicht mehr in der Mutter und war damit biologisch und rechtlich eins mit ihr, sondern war schon in unsere Welt umgezogen und lag nun friedlich schlummernd da. Darum sollte auch ein den Geburtsvorgang bestätigendes Schreiben herbeigeschafft werden.

Per autorisierter Wohnungsdurchsuchung in Braunschweig und mittels elektronischer Datenfernübermittlung gelangte das vor Ort fehlende Dokument schließlich in Kopie an die Grenze, der Schlagbaum schwang mühelos hoch und ließ uns ein ins gelobte Land des polnischen Kletterns.

(2) Die Hütte

Nachts sind alle Hütten grau. Unsere Gesichter nach 11 Stunden Reisebusreise auch. Die Hütte hat einen unaussprechlichen Namen. Die Hütte hat einen gemütlichen Gastraum. Ich schiebe das rechte Augenlid mit dem Zeigefinger hoch. Da ist es. Das riesige Schnitzel. Vor mir auf dem Teller. Es ist nachts halb vier. Ich esse es auf und falle ins zugewiesene Bett.

(3) Überhaupt: Das Essen

In Polen ist morgens abends,wenn es ums Essen geht. Da wird schon zum Frühstück aufgetischt, als ob man eine Doppelschicht im Steinbruch ableisten müsste. Wurstberge, höher als die heimische Felsenwelt, Crepes mit Käse, kleine, als Kroketten bezeichnete Frühlingsrollen in unmenschlichen Portionen, echte Kraftsportlernahrung also.

Wenn man nach so einem Frühstück den Weg zu den Felsen anstatt direkt zurück ins Bett findet, ist der schwerste Teil des Tages schon geschafft. Dann hat man wieder Ruhe bis zum Abend, bis zum nächsten Frühstück.

Robert bei der Begrüßungsrede
Robert bei der Begrüßungsrede

(4) Die Felsen

Wenn es um die Einrichtung seiner Routen geht, ist der Pole der Südfranzose Osteuropas. Bohrhaken fast im Meterabstand und riesige, massive Umlenkketten zieren das Granitgestein der bis zu 50m hohen Felsen. Da gibt sich der Pole ganz seinem Fetisch hin und pierct den Fels, bis aber auch gar kein Platz für mobile Sicherungsmittel mehr übrig ist. Übertrieben, aber sehr vorstiegsfreundlich.

Aber sonst hatte Robert recht. Die Routen sind super. Fast wird man ein wenig neidisch. O.k., es ist nicht der Harz, aber fast genauso gut. Mehr lässt der Regionalstolz nicht zu. Aber mal ehrlich, so gut hatte ich es mir nicht vorgestellt. Rotgrauer Granit, scharfkantig gebrochen wie in Chamonix, dabei mit einer tollen Reibung. Feinstrukturierte Platten und großzügige Risslinien, Dächer, von Grad 3 bis 9 alles da.

(5) Der Vorstieg

Klemmkeile sind super. Vor allem in der Theorie. Da halten sie nicht nur sich selbst im Fels, sondern darüber hinaus stürzende Kletterer, ganze Seilschaften, ja im Notfall Hundertschaften von Kletterern nebst sie transportierende Reisebusse; letztendlich hindert der Klemmkeil das ganze christliche Abendland am Zusammenstürzen. In der Theorie.

In der Praxis beäugt man gerade selbstgelegte Keile höchst misstrauisch und vermeidet um jeden Preis da hineinzustürzen. Nur, das erzählt man eben nicht.

Die Felsen
Die Felsen

In der Theorie ist der Klemmkeil sozusagen ein transportabler Bohrhaken, ja sogar noch besser, da er nicht im Fels verbleibt, Robert bei der Begrüßungsrede sondern an jeder geeigneten Stelle vom Foto: unbekannt Kletterer zur Gewinnung maximaler Vorstiegssicherheit selbst installiert werden kann. In der Praxis belastet man die Keile lieber nicht. Dem Vorstiegsnovizen dagegen preist man die Vorteile des mobilen Sicherungsmittels in leuchtenden Farben, wissend, dass das Vortragen der Zweifel an Material, Lage und Felsqualität den seinen ersten Vorstieg wagenden in Windeseile zurück ans ungefährliche Ende des Seiles zurücktreiben würde.

Das will man ja auch nicht. Und deshalb rät man gut zu: "alles kein Problem, hält bombensicher, liegt super, ist noch nie rausgekommen, da würde ich aus 40 m Höhe reinspringen usw." und hofft insgeheim, dass der Aspirant die Route auch solo klettern kann und das Material auf keinen Fall belastet.

Und dann tut er's doch. Oder sie. Sie stürzt. Stürzt in die selbstgelegten Keile. Stürzt voll rein. Oh Schreck. Und die Keile halten! Das gibt´s doch nicht! Sie halten!

Da sind wir aber froh. Sonst wäre der erste Vorstieg auch schnell der letzte geworden.

Auch das erzählen wir nicht, sondern tun alles als Kleinigkeit ab und als Erfahrung, die man eben mal machen muss.

Nur nicht beim ersten Mal und schon gar nicht mit Klemmkeilen. Und bitte nicht, wenn ich dabei zugucken muss.

(6) Der Wodka

Kletterer sind anspruchsvolle Gäste. Immer wollen wir was: Wir haben Hunger, haben Durst, müssen Pipi, sind wir nicht bald da? Wo sind die Felsen? Mir ist langweilig. Da ist Reiseleiter ein harter Job. Einer, der sich anscheinend nur durch die Einnahme von Alkohol ertragen lässt. Aber noch einfacher ist es, wenn der Reiseleiter statt seiner selbst die Reisegruppe mit Alkohol betäubt. Dann sind die Plagen still, und er hat Ruhe. Im speziellen Fall des Spanferkelverzehrs war anscheinend beides nötig.

Glücklicherweise ist Polen nicht arm an Alkohol. Das man gerade an Himmelfahrt so tief abstürzen kann.

... auf dem Rückweg von Polen
... auf dem Rückweg von Polen

(7) Die Rückreise

Das musste ja passieren. Geht ja auch nicht, dass man mit einer ganzen Latte von Vorurteilen antritt, die dann eins nach dem anderen widerlegt werden. Immerhin, das Letzte hat sich dann doch bewahrheitet.

Und welches? Dass polnische Reisebusse verkehrsunsichere abgetakelte Rußschleudern sind. Unser Reisebus jedenfalls rückte mein etwas in Schieflage geratenes Weltbild vom Schwellenland Polen wieder gerade, indem er pflichtschuldig in Leipzig sein schon sehr lange währendes Autoleben aushauchte. Auto kaputt, Weltbild heile. Prima.

Da war die Laune gleich wieder viel besser. Und den Rest des Weges nach Hause wollte selbst die Deutsche Bahn die ihr anhaftenden Vorurteile nicht bestätigen: Sie war pünktlich, gar nicht mal so teuer und keiner saß auf dem Gang.

(8) Das Fazit

Was gibt es noch zu sagen?

Die Hütte ist für nächstes Jahr schon wieder gebucht. Und die hervorragende Reiseleitung Robert, der die ganze Fahrt absolut super organisiert hatte, und seine Assistenten Arek und Sartek natürlich auch.

Oder kann man in Weißrussland auch gut klettern? Oder in der Ukraine? Moldawien? Mazedonien? Und was kostet so ein mazedonischer Reisebus?

Axel Hake

Eisklettern