Fassadenklettern - Gewerbeklettern - Industriekletterer



Marmolada bedeutet nicht immer Brotaufstrich

Klettereien an der Marmolada

Ein Jahr war seit meinem letzten Besuch in den Dolomiten vergangen. Beim Abstieg von der Großen Zinne wusste ich, dass ich wieder kommen würde. Dieses Jahr war ich nun an der Marmolada. Wieso die Marmolada? Für mich ist jeder Gipfel, jede Wand, sogar jeder Stein eine Art Heiligtum , aber wenn man einen Dolomiten-Kletterführer zur Hand nimmt, liest man, dass die Marmolada die „Königen der Dolomiten“ sei. Ihre Südwand bricht auf etwa drei Kilometer Länge bis zu 800 Meter ab und ist berühmt für ihren herrlichen, festen Plattenkalk.

So begann ich mit den Vorbereitungen. Ich brauchte Zeit und Geld, musste einen Kletterpartner und eine Kletterroute finden und zu guter Letzt musste das Wetter noch passen. Aber das macht sowieso was es will, und man kann nur hoffen, dass es zur Urlaubszeit schön ist. Um freie Zeit zu bekommen, musste ich meine Frau überzeugen, dass ein kurzer Kletterurlaub für mein inneres Gleichgewicht notwendig ist. Das nötige Geld konnte ich durch Überstunden verdienen. Dabei durfte ich aber nicht das Klettertraining vergessen. Und ein Kletterpartner musste her. Meinen sehr guten Freund und letztjährigen Kletterpartner konnte ich nicht mitnehmen. Nicht dass ich ihn in den Bergen verloren hätte, aber er hatte keine Zeit. Die Wahl fiel auf Martin Bernhardt, mit dem ich letzten Herbst im Donautal geklettert bin. Wir suchten nach einer Route, die uns stark fordern aber nicht überfordern sollte, da wir sie Rotpunkt On-Sight klettern wollten. Die Wahl fiel auf die „Vinatzer“ / „Messner“ in der Marmolada-Südwand (VI+, 950 m).

Die Erstbegehung durch Vinatzer erfolgte 1936, und zusammen mit dem „Messner-Ausstieg“ ist die Route ein Klassiker an der Südwand. Reinhold Messner eröffnete 1969 nach einer Solobegehung der „Vinatzer“-Route im oberen Wandteil alleine einen neuen Ausstieg, was sicher zu seinen größten klettersportlichen Leistungen zählt. Wer die ausgesetzte, herrlich löcherige und feste Plattenwand im mittleren Teil der Route klettert, bekommt Respekt vor dieser Solo-Begehung.

Am Mittwoch, den 24.Juli 2002 brachen wir abends in Braunschweig auf und erreichten am 25.Juli um 9:00 Uhr das Touristendorf Canazei in der Nähe der Marmolada. Dort wollten wir noch etwas schlafen und schnell einkaufen. Wir hatten zu wenig Weichstahlhaken und ein Felshammer fehlte uns auch noch. Ein richtiger Felshammer kostet etwa 35 bis 50 Euro; ich habe meinen für fünf Euro im Baumarkt gekauft. Man muss nur noch ein paar Löcher bohren und er sieht so aus wie einer von SFU – na ja fast. Eigentlich wollten wir noch eine Runde schlafen, aber das hat nicht mehr geklappt. Wenn man von Dolomit (dem besten Klettergestein) umgeben ist, kann man die Zeit nicht verschlafen; das wäre eine Sünde. Nach dem Einkauf mussten wir dann noch über den Fedaiapass und vorbei am Fedaiasee zur Malga Ciapela fahren. Mit ständigem Blick auf die Marmolada Nordwand, mit dem einzigen Gletscher der Dolomiten, ist das eine sehr gefährliche Autostrecke für begeisterte Kletterer. Martin merkte das schnell und lenkte meine Aufmerksamkeit durch einen Schrei vor jeder Kurve aufs Fahren. So kamen wir dann doch noch bei der Malga Ciapela, die den Ausgangspunkt für die Südwandrouten bildet, an. Die Sonne schien, wir kochten noch einen Kaffee und freuten uns, dass uns nur noch vier Stunden Fußmarsch vom Einstieg in unsere Traum-Route trennten. Von Parkplatz in Malga Ciapela geht man einen markierten Weg entlang der Südwände von Seranta und Marmolada Richtung Ombrettolapass. Etwa eine Stunde hinter der Falierhütte verlässt man auf Höhe der Marmolada di Rocca den markierten Weg und geht durch Geröll zum Wandfuß. Der Einstieg zur „Vinatzer“ befindet sich am Beginn einer auffallenden Rissreihe bei einer roten Höhle. Martin und ich wollten sofort einsteigen und sind die Route angeklettert. Wir merkten aber schnell, dass wir mit dem gesamten Gepäck keine Chance hatten, die Route zu klettern. So sind wir zurückgegangen und haben die Route lange und ausführlich von unten studiert.Danach gingen wir weiter zur Biwakschachtel Marco dal Bianco, die sich auf 2727 m Höhe am Ombrettolapass befindet. Es ist der beste Ausgangspunkt für Routen an der Marmolada di Rocca und Marmolada die Penia. Dort übernachteten wir und stellten den Wecker auf 4:00 Uhr; um 6:00 Uhr waren wir zurück am Einstieg.

Wir atmeten noch einmal tief durch, und los ging es. Das Wetter spielte mit, keine Sonne aber auch kein Regen, der Fels ist trocken, die Reibung traumhaft. Die ersten drei Seillängen waren im VI., V. und IV. Grad. Dabei mussten wir uns an die Hakenabstände und deren Qualität gewöhnen, aber spätestens nach dem fünften Stand waren wir auch daran akklimatisiert [war das kein Problem mehr]. Der Fels war bis auf wenige Ausnahmen fest und rau. Die schwierigste Stelle der „Vinatzer“ ist eine VI+, die sehr gut abgesichert ist. (Manchmal wundert man sich darüber, dass bei überschreiten des VI. Grades Kletterer soviel Eisen in einen Riss hauen, dass man fast keinen Platz für die Finger hat und sich nicht frei fortbewegen kann.) Wir waren uns einig, dass die schwierigste Stelle nicht die VI+ war, sondern eine VI- im brüchigem Gelände, die sehr schlecht abzusichern war und der ein Quergang zum Standplatz folgte. Dabei war der Kontakt zum Partner unterbrochen. Bis zum Band in der Wandmitte orientiert sich der Routenverlauf im wesentlichen an der Kamin- und Rissreihe. Dort stellten wir um 17:00 Uhr fest, dass wir viel zu langsam waren. Wir hatten kein Biwak geplant, unser Wasser war fast alle, und wir hatten noch weniger zu essen. Wir waren von unserem Tempo enttäuscht und machten erst einmal eine Pause, um uns zu erholen und über unsere Situation nachzudenken. Wir haben uns dann doch fürs Biwak entschieden. Nach einen 60m Quergang habe ich eine Höhle gefunden –

Biwak
Foto: Robert Rurkowski

der perfekte Platz zum Übernachten. Es war zwar keine Halbpension, aber wenn man die Feuchte von der Wand ableckt, war man doch den Durst los (jeder nur eine Leckstelle). Wenn man etwas masochistisch veranlagt ist, kann man so einer Übernachtung auf 3000 m doch einiges abgewinnen – zumal wir dachten, das wir morgen nach vier Stunden auf dem Gipfel stehen würden. Wir hatten eine herrliche Aussicht und zusammen mit der Umgebung hat das die Unbequemlichkeiten mehr als ausgeglichen. Wir hatten Biwaksäcke dabei, und die Seile und Gurte haben wir als Isomatten genutzt. Um 4:00 Uhr sind wir dann aus der Höhle gekrochen und haben unsere Becher, die wir zum Wassersammeln an den Fels geklemmt hatten, eingesammelt. In der Nacht ist dort so viel Wasser reingetropft, dass jeder einen ¾ Becher klares, kaltes Wasser hatte. Zusammen mit dem löslichen Kaffee war es fast wie zu Hause, nur der Bäcker um die Ecke fehlte.

Draußen war alles nebelig weiß, und wir hatten keine Sicht, aber es war trocken. Um 6:30 Uhr standen wir dann am Einstieg zur „Messner“. Nach einem Überhang kamen wir in leichteres Gelände, III / IV Grad; nur war hier die Orientierung sehr viel schwieriger. Nach vier Seillängen fanden wir ganze Felder von wunderschönen Platten mit senkrechten Wasserrillen – eine neben der anderen. Zum Greifen gab es nur die Stege zwischen den Rillen. Hier führten wir fast ohne Zwischensicherung von Stand zu Stand. Nach den Platten mussten wir eine Rampe nach rechts finden, die uns zur Schlüsselstelle führen sollte. Dort habe ich den Führer falsch interpretiert und uns zweimal in eine Sackgasse geführt. Das hat uns Zeit und Nerven gekostet und uns komplizierte Quergänge eingebracht. Insgesamt haben wir gute vier Stunden suchend in der Wand verbracht. Am Nachmittag hat sich der Nebel verzogen, und ich habe endlich die richtige Rampe gefunden. Wir waren aber schon sehr müde, und das Wasser hat sowohl unsere Trinkflaschen als auch unseren Körper verlassen. Aber die Schlüsselseillänge lag nun direkt vor uns – ein durchgehender 45 Meter langer splittriger Riss, der mit VI+ bewertet ist. So stieg ich in die Seillänge ein. Nach 25m setzte ich einen Klemmkeil und ging zum nächsten Haken weiter. Aber in dem Moment, in dem ich klinken wollte, rutschte mein rechter Fuß weg und mit einer Hand konnte ich mich nicht mehr halten. So fiel ich und hoffte, dass die letzte Zwischensicherung, der Klemmkeil halten würde – und er hielt. Im Prinzip habe ich nichts gegen das Stürzen, aber bitte nicht unter diesen Bedingungen. Da wir die Route ja Rotpunkt gehen wollten, ließ Martin mich zum Stand ab, und ich begann die Seillänge von neuem. Diesmal kletterte ich noch vorsichtiger und konnte den Haken klinken. Nach weiteren 20 m hatte ich Stand. Martin kam nach, und nach drei weiteren Seillängen standen wir auf der Marmolada di Rocca. Es war mittlerweile 19:00 Uhr, und wir waren sehr erschöpft, aber auch überglücklich, die Route geschafft zu haben. Auch freuten wir uns über den schönen Gletscher, der uns mit ausreichend Wasser versorgte.
Jetzt durften wir aber nicht übermütig und unkonzentriert werden, denn es erwartete uns noch ein langer Abstieg zum Fedaiasee. Und danach mussten wir zur Malga Ciapela. Um 22:00 Uhr waren wir endlich bei unserem Auto. Völlig erschöpft tranken und aßen wir, ohne uns groß zu unterhalten. Danach legten wir uns zum Schlafen unter einen wunderbaren, sternenklaren Himmel auf den Asphalt – zum Zeltaufbauen waren wir zu müde.

Am nächsten Morgen endete unser Schlaf schon wieder früh. Da ich abends um 18:00 Uhr im Oberrheintal sein musste, standen wir um 4:00 Uhr auf und gingen los, um unsere am Einstieg deponierten Sachen zu holen. Auf dem Weg zur Südwand ging jeder sein Tempo. Ich dachte über die 30 Stunden Kletterei in der Südwand der Marmolada nach – was war gut, wo haben wir Fehler gemacht. Auch dachte ich an die Nachbarroute der „Vinatzer“ – die „Moderne Zeiten“ von Mariacher, eine VII+. Sie soll hier mein nächstes Ziel sein – vielleicht schon diesen Herbst?

Am Abend kam ich dann zum letzten Teil meiner Ausbildung zum Fachübungsleiter ins Oberrheintal. Die Gegend ist ein Traum für jeden Kletterer. Egal in welche Richtung man schaut, man sieht immer Fels zum Klettern. Von der Hütte sind es maximal 30 Minuten zum Einstieg und das auch nur im Spaziertempo. Die Routen sind alle saniert und bieten somit für im Alpinklettern Unerfahrene die Voraussetzung, ihre Kenntnisse zu erweitern. Abends sorgte dann der Wirt der Oberrheintalhütte für gute Stimmung. Als ich abends dann dort gesessen und den Rauch meiner Pfeife beobachtet habe, ist mir die Idee gekommen, im nächsten Jahr hier im Oberrheintal ein Kurs im Alpinklettern für Sektionsmitglieder durchzuführen. Genauere Infos darüber werden im nächsten Heft stehen oder sind bei mir unter 0171-5039472 zu erfragen.

Robert Rurkowski

Eisklettern