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Frei nach dem Motto:„Ok! Die Steine sind vorbei, wir können weiter…!“

Eiskurs mit Robert Rurkowski

Ein ausgedehntes Schönwetterhoch lag im August 2009 über dem Tiroler Pitztal. Somit kamen wir bei strahlendem Sonnenschein am Parkplatz in Mandarfen an. Robert eine halbe Stunde nach mir. Ganz nach seiner Art entledigte er sich erstmal seiner Kleidung – ist ja auch lästig so was – und fing, an das Material mit mir zu sichten. Durch ein kleines Missverständnis waren die drei anderen Kursteilnehmer Marina Röhrs, Christian Junglewitz und Martin (ja noch einer) Martin Balke schon auf dem Weg zur Hütte.

Somit verteilte sich das Equipement für fünf Personen gleichmäßig auf zwei. Passt scho’! Mit wenigen Worten gings dann hinein ins Tal in Richtung Taschachhaus. Dank eines Telefonats noch am Auto kamen Christian und Martin uns entgegen, sodass wir bald von dem Gewicht erlöst wurden. Nun konnten wir ja auf den Materiallift pfeifen und stiegen die Moräne zur Hütte empor. Dort angekommen, waren alle Sorgen vergessen, und wir freuten uns alle auf eine spannende Woche, die es definitiv werden sollte.

Ein ganz normaler Tag im Leben eines Robert-Rurkowski-Eiskurs-Teilnehmers sah wie folgt aus: Aufstehen, Waschen, Frühstücken, Materialcheck, 10-13 Stunden Tour mit mal mehr mal weniger krassen Augenblicken, bei der Rückkehr erstmal wieder klarkommen, Abendessen, Theorie, Schlafen.

Die ersten beiden Sachen überlasse ich jetzt mal der Phantasie jedes Einzelnen. Das Frühstück bestand aus einem reichhaltigen Buffet mit allem was das Herz begehrte. Beim Materialcheck wurde geschaut, wer noch mal nach oben ins Lager rennen musste (natürlich nachdem er die Bergstiefel wieder ausgezogen hat), um vergessene Dinge zu holen. Auf die Touren werde ich gleich im Detail eingehen. Erstmal wieder ankommen musste jeder für sich. Die einen taten dies, indem sie dampfend erstmal barfuss in den eiskalten Brunnen stiegen. Andere saßen regungslos mit leerem Blick nur da und wieder Andere rauchten eine Pfeife bzw. Zigarette. Wenn dann alle wieder wussten, wo sie waren, ging es zum Abendessen, das nach der Tour immer das Highlight des Tages war. Suppe, Salatbuffet, Hauptgang und Nachtisch. Vom Feinsten! Der Theorieteil am Abend war alles Andere als langweiliger Pflichtteil. Durch das allgemeine Interesse an den Themen verflog die Zeit und ratz fatz nach ein paar Bierchen ging es ins Bett. Vom zweiten Tag an wurden dann im Traum Stände gebaut, abgeseilt, „ZUUU“ geschrien und was man halt noch so in den Bergen macht.

Im Eisbruch
Im Eisbruch
Foto: Martin Tränker

Erster Tag – Gletscherspaß mit Robert

Über den Moränenrücken ging es einen schmalen Weg zum Taschachferner. Nachdem die Steigeisen richtig saßen, nahmen wir Kurs auf den großen Gletscherbruch, um per Toprope die ersten Berührungen mit dem Steileis zu machen. Ein entspannender Tag mit vielen ersten Eindrücken über die spektakuläre Welt der Gletscher.

Zweiter Tag – Kurzgewachsene sind im Vorteil

Die Nördliche Sexegertenspitze war das Ziel der ersten Tour. Am Ende des westlichen Ausläufers vom Pitztal erheben sich die beiden Spitzen in den strahlend blauen Himmel. Über ein großes Schuttkar erreichten wir die Gletscherzunge und machten uns wieder für das Eis bereit. Bis zum aperen Teil des Gletschers gingen wir seilfrei. Unter dem ca. 3m hohen Eisbruch seilten wir an und waren bereit, diesen hochzuklettern, um dann auf dem Steileis zur Schulter zu klettern. Als wir gerade fertig waren, hörten wir ein dumpfes Brummen, welches wir nicht wirklich einordnen konnten. Als wir kurze Zeit später erneut dieses Brummen vernahmen, sahen wir, wie knapp über unseren Köpfen ein Stein von der Größe einer Wassermelone schoß und im Firnfeld unter uns ausrollte. Wir sahen uns alle ein wenig unbeholfen an, Robert schaute derweilen über die Kante und meinte so nach dem Motto: „Ok! Die Steine sind vorbei, wir können los…!“ Nach diesem kaum erwähnenswerten Zwischenfall erklommen wir in einer Zweier- (Christian, Martin) und einer Dreierseilschaft, welche die Seilschaftsordnung für die Woche darstellte, die erste 40° Wand auf die Schulter. Die zweite 45° Wand zum Gipfel verlief ohne nennenswerte Ereignisse. Auf dem 3200m hohen Gipfel angekommen, konnten wir das Ziel für morgen die Hochvernagtspitze und das Kursziel für den letzten Tag, die Wildspitze, sehen.

Zustieg
Zustieg
Foto: Martin Tränker

Dritter Tag – Wegloses schroffes Gelände

Nach einem äußerst „wackeligen“ Zustieg über die Moräne kamen wir unter einer Felswand zum Gletscher, der an dieser Stelle 40° steil war. Als wir uns auf diesem quasi nicht vorhandenen festen Untergrund die Steigeisen, Helme und Seile anlegten, rollten genau am Ende des Schuttfeldes, also einen Meter neben uns, immer wieder Gesteinsbrocken ins Tal. Robert stoppte gedanklich die Zeit und ging als erster auf den Gletscher. „Da oben liegen lose Steine, die kommen immer wieder runter – aber jetzt geht’s grad! Komm Ina!“ Tja, und dann begann der Spaß. Die nächste Lawine kam halt etwas früher als die letzte und Ina musste sich ganz schön beeilen. Aber so ist das halt im Hochgebirge. Als wir alle sicher auf dem Gletscher waren, begann wieder der Aufstieg. Drei Seillängen bis zur Schulter. Dort warteten wir auf Christian und Martin. Robert begrüßte sie inspiriert von RitterSport Rum mit einem Tequilasong. 4 Seillängen durch’s 50° Steileis waren wir auf dem Gipfel. Ein traumhafter Ausblick bot sich uns, und alle Strapazen waren vergessen. Trotz der teils mulmigen Gefühle, bedingt durch bis dato unbekannte Situationen, fühlte man sich bei Robert immer zu 100% sicher. Wenn er sagte, dass es OK sei, dann war es das auch. Selbst, als Christian beim Abseilen vom Gipfel in einer Spalte direkt über unserem nächsten Standplatz verschwand und gefühlte 3 Meter unter uns meinte „Jau, alles OK! Extrem schön hier drinnen!“, musste man lachen.

Vierter Tag – Wer hat’s erfunden?

Eigentlich stand heute die Wildspitze auf dem Programm. Doch nach zwei 10 und 11 Stunden Touren waren wir über einen Ruhetag heilfroh. Nach einem etwas späteren Frühstück machten wir uns gegen 10.00 Uhr auf den Weg zum Taschachferner, um Spaltenbergung zu üben und wer wollte, noch ein wenig zu klettern. Oft genug umgelegt, holt der Schweizer Flaschenzug selbst einen Robert aus der Spalte. Die Holländer nebenan praktizierten das Üben am lebenden Objekt, und so sprang nacheinander jeder einmal über die Kante und holte den Ersten in der Seilschaft immer schön von den Füßen – Autsch! Robert und Martin sind dann noch zu den größeren Spalten gegangen, um dort eine ca. 20m hohe überhängende Wand zu klettern.

In der Flanke
In der Flanke
Foto: Martin Tränker

Fünfter Tag – Die Spitze

4.30 Uhr Frühstück, 5.00 Abmarsch Richtung Taschachferner. Mit Stirnlampen reihten wir uns in die anderen Gruppen ein. Bei Sonnenaufgang konnten wir unser Ziel in der Ferne sehen, das gerade die ersten Sonnenstrahlen abbekam. Die Wildspitze. 3765m mit einer 50° Nordwand, die unsere Route für heute darstellen sollte. Endlich am Fuße der Wand angekommen, sah sie nach mindestens 70° aus, doch Robert machte uns Mut, und so stiegen wir zum aperen Steileis auf. Keine Steine, kein Geröll – schönster Firn und dann blankes Eis. Lediglich die Standplatzabbrüche, die von Robert immer wieder uns erreichten, waren lästig. Nach 4 Seillängen verschwand der Vorsteiger über der Kuppe. Endlich flacher werdendes Gelände, der Schneevorgipfel war erreicht. Die zweite Seilschaft mit Christian und Martin erreichte uns kurze Zeit später. Sofort ging es über einen schmalen Grat zum Hauptgipfel der Wildspitze. Dort angekommen hatten wir einen schönen langen Aufenthalt und konnten die Aussicht genießen. Über den etwas brüchigen Südwestgrat ging es auf die weitläufige Gletscherlandschaft, welche die Wildspitze nach Westen hin umschließt. Altschnee bedeckte die Spalten, so wanden wir uns am kurzen Seil zurück zur Aufstiegsroute. Immer wieder verschwanden Roberts Beine in Spalten, doch erreichten wir nach 13 Stunden unseren Ausgangspunkt..

Letzter Tag und Fazit – Diesmal mit Lift

Entspanntes Aufstehen, Frühstücken und Packen. Dann die freudige Nachricht, der Lift würde gleich starten und wir könnten noch mit. Gesagt, getan. Mit minimalstem Gepäck ging es die Moräne herunter zur Talstation. Auf halbem Weg trafen wir Ranga Yoguschwar mit Team, der gerade zum Gletscher unterwegs war, um für Wunder der Erde einen Beitrag zu drehen. Nach 3 Stunden Abstieg kamen wir mit gewaltigen Bildern in unseren Köpfen an den Autos an. Einen großen Dank an Robert für die ausgezeichnete Betreuung und schöne Sichtweise auf das Hochgebirge. Mit diesem Kurs wurde die Angst vor dem großen Weißen genommen – nicht aber der Respekt. Wir lernten Gefahren zu erkennen, einzuschätzen und darauf zu reagieren.

Martin Tränker

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