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Alpinklettern lernen und lehren

Diesen Sommer bot die Sektion Braunschweig zum zweiten Mal in Folge Alpinkletterkurse an. Die Grundkurse fanden im sagenhaften Kalk des Oberreintals statt. Aus den Teilnehmern der letztjährigen Kurse hatte sich eine Gruppe gefunden, die den nächsten Schritt wagen und einen Kurs für Fortgeschrittene durchführen wollte. Doch wie sollte dieser zweite Schritt in den Alpen aussehen? Der erste Kurs vermittelte das Wissen, um sich selbstständig im alpinen Gelände zu bewegen. Aber alles Wissen nützt nichts, wenn es nur theoretisch gelehrt und nicht in der Praxis vertieft wird. Also sollte dieser Fortgeschrittenenkurs kein Kurs sein, in dem der Kursleiter unterrichtet, sondern „lediglich“ den Teilnehmern hilft, Erfahrungen zu sammeln und Gelerntes umzusetzen.

Also fahren wir in die Dolomiten, um dort in verschiedenen Gebieten einige alpine Routen zu klettern. Dort wollen wir als Gruppe, in der jeder gleichberechtigt ist, Touren angehen und danach die Erfahrungen und Beobachtungen gemeinsam besprechen und auswerten. Es soll keinen Leiter/Schüler im herkömmlichen Sinne geben. Doch um dieses Ziel zu erreichen, müssen erstmal harte Mittel eingesetzt werden, damit die Kursteilnehmer sich trauen, sich ungeniert zu verschiedenen Aspekten zu äußern. Als geeignetes Mittel erweist sich ein billiger Fünf-Liter-Kanister italienischer Wein. Ohne diesen droht ein Ziel des Kurses zu platzen.

Zuerst fahren wir zu den Sella-Türmen und nehmen die erste Tour in Angriff. Es ist die Vinatzerführe ( V-, 400 m, 330 Hm). Sie bietet eine interessante Risskletterei, und zusätzlich gibt es bei einem Wettersturz die Fluchtmöglichkeit über den Normalweg. Die Sicherungen, typisch für die Dolomiten, sind geschlagene Haken – auch an den Ständen. Im Grundkurs wurde theoretisch gelehrt, dass viele der Haken unbrauchbar sind. Aber dort beim Grundkurs im Oberreintal gab es nur geklebte Haken. Mit einer Dreier- und einer Zweierseilschaft sind wir am Nachmittag auf dem Gipfel. Den langen und komplizierten Abstieg gehen wir seilfrei. Abends entwickelt sich eine Diskussion über die Begehung: Was sagt die Lehrmeinung, was sagt unserer Verstand und wie haben wir uns letztendlich entschieden? Nicht jedes Urteil fällt so eindeutig aus wie bei den Beispielen in einem Kletterlehrbuch. Ob wir klüger geworden sind, ist nicht sicher, aber bestimmt haben wir an Erfahrung gewonnen.

Am zweiten Tag gehen wir die Kasnapoff-Führe (V-, 350 m, 250 Hm) an, die unterschiedliche Kletterei im besten Dolomit bietet. Das Wetter spielt auch mit, aber wie lange noch? Zwischendurch bewähren sich die Geduldsübungen auf Deutschlands Autobahnen: Ein Bergführer mit Klient erzeugt einen Stau und es dauert lange bis sie weiterkommen. Aber wer will schimpfen – wir sind ja auch nicht die schnellsten. Am Gipfel bietet sich eine Traumsicht und es gibt gleich eine Fotosession („Jungs, die T-Shirts aus, denn wir sind die Helden“). Schon am zweiten Tag fühlen wir uns wie ein eingespieltes Team (Stand, Seil ein, Seil aus, Nachkommen, Stand...).

Gelbe Kante
Gelbe Kante

Am Nachmittag wechseln wir das Gebiet und fahren in die Sextener Dolomiten. Dort haben wir es auf die Gelbe Kante (VI, 330 Hm) abgesehen. Das ist eine klassische Extremkletterei von fantastischer Luftigkeit, die uns sehr fordert. Im Abstieg erwischt uns noch ein Gewitter, und zwei von uns werden in der letzten Abseillänge von dem Feldstrom eines Blitzes getroffen. Aber dank der Standsicherung bzw. der Prusiksicherung hinter dem Abseilachter ist nicht passiert. Am Abend feiern wir die Begehung mit Wein und freuen uns auf den bevorstehenden Ruhetag. Dabei kommt das Gespräch auch immer wieder auf die gekletterten Routen. Wo waren unsere Grenzen? Wie haben wir die Sicherung empfunden? War sie ausreichend? Aber jeder Teilnehmer hat eine andere Konstitution und so kann jeder die Antwort dazu nur bei sich selber finden.
Danach klettern wir noch zwei Routen. Die erste davon ist am Preußturm der Preußkamin (V-). Ein Teilnehmer hat sogar Spaß an der Tour in feuchten Kaminen. Die übrigen finden es allenfalls interessant wie man sich durch so was nach oben arbeiten kann. Die Abschlussroute ist die Maria Kante (IV, 480 m, 260 Hm) an der Pordoispitze. Diese Tour bietet die reinste Plasierkletterei: bester Fels, gut gesichert und weit von der Leistungsgrenze entfernt.

Nach dieser Woche bleibt zu fragen, ob das Ziel des Kurses erreicht wurde. Die Antwort ist auf jeden Fall positiv. Das Verhalten bei der Vorbereitung und Durchführung der Routen wurde ausgewertet und neue Erfahrungen am Fels wurden gesammelt. Wenn die Stimmung in der Gruppe stimmt und die Touren gut vorbereitet sind, kann man sich auch an anspruchvolle Ziele wagen – anspruchsvollere als man den (sich die) Teilnehmer zutraut (zutrauen). Bei so einem Kurs ist es die Aufgabe des Ausbilders, die Entscheidungen für die Routenplanung zu überprüfen (Wurden alle Aspekte wie persönliches Können, Zustieg, Abstieg, Wetter, Fluchtmöglichkeiten besprochen und richtig eingeschätzt?). Zudem muss er die Stimmungen in der Gruppe auffangen und ausgleichen. Am besten ist es, wenn die Teilnehmer dabei nur leicht geleitet werden und selber zu den richtigen Entscheidungen kommen.
In Braunschweig gibt es nun vier neue Alpinkletterer – nicht weil sie das klettertechnische Niveau beherrschen, sondern weil sie im alpinen Gelände sich selbstständig bewegen und richtig entscheiden können.

Robert Rurkowski

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