Fassadenklettern - Gewerbeklettern - Industriekletterer


Ein Jahr Planen und Warten und bis zum letzten Moment war es unsicher, ob wir überhaupt los können. Aber dann konnte uns, meinen Freund Arkadiusz Trzeciak und mich, nichts mehr aufhalten. Wir waren von 8. Juli bis zum 15. Juli 2001 in den Sextaner Dolomiten an den Drei Zinnen klettern.
Das Wetter zeigte sich bis 11 Uhr sonnig und danach gab es Nebel, Nebel und immer nur Nebel. Wir waren jedoch so hungrig auf Fels, dass uns diese weiße Milch nicht störte, sie hatte sogar den Vorteil, dass wir nicht mit vielen anderen Seilschaften um die Routen konkurrieren mussten. Ich wollte sofort zur Comici Route an der Großen Zinne. Arek war jedoch dagegen, er meinte, wir sollten das Gebiet erst kennen lernen. (Wie recht er hatte.)

Hängestand
Foto: Arek Trceciak

Am ersten Tag haben wir uns auf die Gelbe Kante geeinigt (330 Hm im VI Grad 2 Stellen, sonst VI- und V), eine klassische Kletterei von phantastischer Luftigkeit, dazu fester Fels und Sonne.Der Verlauf der Route war auf der Skizze gut zu erkennen. - So sieht sie zu Hause im Führer aus. Der Fels war zwar vor Ort auch wunderschön, aber es war neblig und die Skizze passte nicht hundertprozentig. Na ja, wir werden uns überraschen lassen, in dem Gelände kann man (Gott sei Dank) nicht viel falsch machen. Die in der Wand vorhandenen Haken sind alte Gurken, an denen der Rost schon seine Arbeit geleistet hat. Aber besser ein alter Haken als keiner, zumal sie den Weg vorgeben. Nach dem fünften Stand mussten wir unsere Fantasie richtig anstrengen, damit die Skizze mit dem Gelände übereinstimmt. Plötzlich waren keine Hacken mehr zu sehen und da, wo eine Verschneidung sein sollte, war eine prächtige glatte Platte. Aber wenn man die Augen zumachte, wurde die Platte schon zur Verschneidung. Nach einem 20m Quergang hatten wir auch unsere Verschneidung wieder und dazu noch einen verlässlichen Stand. Der Weiterweg war deutlich vorgegeben, aber wir waren aufmerksam geworden, denn so ein Verhauer kostet viel Zeit und Energie. Endlich war die Anticima, ein Vorgipfel der kleinen Zinne erreicht, und es gab ein erstes "Berg Heil". Leider sah man nicht mehr viel, aber das war unwichtig. Wir mussten nur noch abseilen. Wenigstens hierbei konnten wir uns auf Bohrhaken verlassen.

Beim Abendessen und einer Pfeife vor dem Zelt machten wir Pläne für den nächsten Tag. Es gab eine Alternative für schönes Wetter und eine für "schönes" Wetter. Um fünf Uhr morgens hatten wir nur "schönes" Wetter - Nebel und Nieselregen. Trotzdem starteten wir, denn nach dem Wetterbericht sollte es am Nachmittag besser werden. Dann saßen wir erst einmal in einer Höhle aus dem 1. Weltkrieg und über uns erhob sich der Preußturm. Wir wollten dort die Cassinführe in der Südostwand gehen (VII- Schlüsselstelle - ein schwieriger Überhang nach 110 Hm, sonst VI, 200 Hm 280 m Kletterstrecke). Es ist eine kurze aber knackige Führe mit interessanten und abwechslungsreichen Passagen, insbesondere wenn sie frei geklettert wird.

Das warten hatte sich gelohnt; um zwölf Uhr war das Wetter besser geworden. Wir kamen ohne Probleme bis zur Schlüsselstelle, aber dort brauchte ich drei Versuche, bis ich es wagte, einen langen Dynamo zu einem Supergriff zu machen. So etwas habe ich an unserer Kletterwand hunderte Male gemacht, aber dort mit 110 m Luft unter den Füssen und ein paar alten Haken als Sicherung überlegt man sich solche Züge doch schon zweimal. Am besten macht man die Augen zu und - "ich hab ihn" -geschafft. Für den Rest waren wir nicht mehr zu bremsen - eine glatte Platte nach der anderen im VI Grad, welch ein Genuss. Dann kamen noch ein gut gesicherter 12 m Quergang und zwei Seillängen bis zum Band. Da es schon spät war, gingen wir nicht weiter zum Gipfel, zumal der Weiterweg sehr brüchig sein sollte. Der Abstieg ging in die Nervenschlucht. Wer diesen Abstieg gegangen ist, wundert sich nicht mehr über die Namensgebung. Bei so viel Kalk, der dort herunter kommt, und der Enge, die kein Ausweichmanöver ermöglicht, bleibt nur die Hoffnung, dass dich kein Stein trifft. In solchen Momenten versteht man die Vorteile eines Doppelseils. Aufgrund des Nebels und des Nieselregens, gab es zum Glück keine anderen Seilschaften in dem Abstieg. Wir konnten uns nicht vorstellen, wie es bei gutem Wetter wäre, wenn mehrere Kletterer sich hier abseilen. Letztlich sind wir doch gut hinab gekommen, und beim Abendessen unter freiem Himmel fühlten wir uns schon wie zu Hause.

Drei Zinnen
Drei Zinnen
Foto: Olaf Schröder

Am nächsten Tag weckte ich Arek mit einem Schrei: " Sonne, Sonne , Sonne". Es wurde eilig gepackt, nebenbei noch auf die schnelle Art gefrühstückt und zur Nordwand der Großen Zinne marschiert. Die Comici wartete. Unsere Gedanken schwebten um die Sorge, wie lange das Wetter halten wird, und der Vorfreude - "endlich wird ein Traum war". Doch dann schreckte uns etwas anderes aus unseren Träumen. Da waren schon drei andere Seilschaften bei der Comiciführe. Ich hatte schon oft über diese Route nachgedacht, aber mir nie vorgestellt, dass ich dort einen Stau erleben würde. Man kann eben nicht alles haben, der Sonnenschein reichte aus. Nach der ersten Seillänge beschlossen wir, zwei Stunden abzuwarten, bis es in der Route ruhiger geworden war. Die Comiciführe ist ein Klassiker - eine luftige Kletterei auf hochglanzpoliertem Fels, 550 Hm bis zum Gipfel, 450 bis zum Ringband. Nach der zweiten Schlüsselstelle war ich meinem Partner dankbar, dass wir die Route nicht am ersten Tag gemacht hatten. Ich hatte immer gedacht, dass ich eine relativ starke Psyche besitze, aber dort bewegte sich mein Mut am Limit. Es gab keine Bohrhaken, nur alte Rosthaken und sogar Holzkeile. Aber irgendwie ging es weiter. Abwechselnd übernahm jeder mal die Führung. Dafür durfte der Zweite den ca. 10 kg schweren Rucksack tragen. Sehr oft mussten wir den Verlauf der Route suchen, insbesondere im leichteren, oberen Teil. Weiter unten im schwierigeren Gelände hatte ich mich einmal Verlaufen - es hatte uns eine Stunde Zeit gekostet. Erschöpft und müde standen wir um 20 Uhr auf dem Ringband. Dort mussten wir erst noch den Abstieg suchen. Auch war des Wetter ab 14 Uhr schlechter geworden. Noch regnete es nicht, aber Nebel war aufgezogen und hatte die Sicht verschlechtert. Als wir mit dem Abstieg begannen, dämmerte es schon, und um halb elf war es endgültig so dunkel, dass wir nicht mehr weiter absteigen konnten. Obwohl wir im unteren Wandteil waren und schon die Lichter der Ref. Lavaredo sehen konnten, mussten wir biwakieren. Mittlerweile hatte es angefangen zu regnen, und wir krochen unter ein kleines Dach. Zur Sicherung fanden wir nur einen kleinen flachen Felskopf.

Wir hatten, um Gewicht zu sparen, nur leichte GoreTex-Jacken eingepackt. Dazu kam, dass die Schokolade, die wir als Verpflegung mithatten, schon längst den Magen wieder verlassen hatte. Nach einer Stunde wurde uns kalt, und wir fingen an zu zittern. Erst hatten wir uns noch unterhalten, dann geschwiegen. Um die Zeit und Kälte zu vertreiben, fingen wir an zu singen - leider ohne Erfolg. Die Kälte kroch weiter in unsere Knochen, und wir mussten weiterhin ohne Bewegung und ohne Schlaf ausharren, denn unserer Sicherung vertrauten wir nicht völlig. So stellten sich auch bald die ersten Krämpfe ein. Ich hätte nie gedacht, dass das "nichts tun" so anstrengend sein kann, dass ich es kaum aushalte.

Nach sechs Stunden wurde es endlich heller, und wir konnten unseren Weg fortsetzen. Wir seilten nur noch zwei Mal ab und standen auf einem großen Schneefeld am Fuß der Zinne. Es war unglaublich, so nah beim Weg festzusitzen. Als wir um halb sechs am Zelt ankamen, waren wir todmüde, aber überglücklich diese Tour geschafft zu haben. Zur Feier öffneten wir erst einmal eine Flasche Wodka aus unserer Heimat Polen, als andere aufstanden und ihre Touren begannen. Nach einer halben Flasche schafften wir es gerade noch, ohne Frühstück ins Zelt zu kriechen und den nächsten Tag zu verschlafen.

Zum Abschluss kletterten wir noch eine schöne Führe im VI Grad an der Punta Frida. Im AV Führer steht, dass der obere Teil brüchig ist. Wir wollten aber nicht nach dem Ende der Schwierigkeiten wieder absteigen, sondern noch einen Gipfelblick erleben. Und wir haben was erlebt. Wenn ich Haare gehabt hätte, wären sie bestimmt grau vor Angst geworden. Viele Griffe und ganze Felspartien waren locker. Es waren keinerlei Haken vorhanden. Die Standplätze bauten wir mit Klemmkeilen. Auf dem Gipfel brauchte ich eine viertel Stunde, um wieder locker zu werden und den Gipfelblick genießen zu können.

Aus diesen sechs Tagen hatten wir das beste gemacht, den Alltag vergessen und 168 Stunden Unabhängigkeit genossen.

Gleich danach habe ich in den Verwaller Alpen den Grundkurs Alpin und in der darauffolgenden Woche im Donautal den ersten Aufbaukurs zum Fachübungsleiter Alpinklettern abgeschlossen. Bei der Sektion und besonders bei Frau Heidelore Freyer möchte ich mich bedanken, dass sie mir ermöglicht haben, an diesen Kursen teilzunehmen.
So habe ich insgesamt drei Wochen in den Bergen verbracht - was will man mehr?

Robert Rurkowski

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