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Kletterkurs im Oberreintal vom 25. Juli bis 1. August 2009
Eike, Oliver und Robert am Gatterl
Eike, Oliver und Robert am Gatterl
Foto: Sven Försterling

Die vielen Geschichten über das Oberreintal und die gleichnamige Hütte, die sich zumindest ansatzweise sogar bis in den hohen Norden herumgesprochen haben, versetzten uns schon monatelang vor Beginn des Kurses in ein Hochgefühl gespannter Erwartungen. Nach letzten Besorgungen starten wir schwer beladen Richtung Partnachklamm. Zum Glück hatte da schon jemand einen verwegenen Steig durch die tosende Klamm gesprengt, der uns entlang der Gischt sicher durch die Schlucht leitet. Schließlich finden wir mit Hilfe eines polnischen Touristen kurz vor der Bockhütte den Abzweig vom Reintal ins Oberreintal. Von da aus geht es dann schweißtreibend im Zick-Zack bis zum Gatterl, das uns den Zugang zum Oberreintal freigibt. Dahinter beginnt sozusagen eine neue Welt, die nur den Kletterern des Oberreintals vorbehalten ist.

Ein riesiger Talschluss mit unzähligen Kanten, Graten und Felswänden versperrt uns hier den Weiterweg. Nur ein paar geheime Schmugglerwege sollen über die Gipfel nach Österreich führen. Nach ein paar Minuten stehen wir dann unvermittelt vor der etwas unscheinbaren Hütte, die inmitten eines lieblichen Ahornwäldchens ihren Platz gefunden hat. Die Hütte ist rappelvoll, und wir fühlen uns wie in einem Bienenstock. Zum Glück gibt es bald Abendessen, und Hans, der Hüttenwirt, hat für uns eine riesige Schüssel köstlicher Nudeln zubereitet. Anschließend packen wir noch unsere Rucksäcke für den nächsten Tag und fallen dann auch schon müde in unsere Lager. Nach dem legendären Weckruf des Hüttenwirtes torkeln wir den Panoramaweg schlaftrunken zur hochmodernen geruchsneutralen Unterdruck-Biotoilette, die sich ca. 100 m weit entfernt der Hütte befindet. Von dort aus geht es zum unterhalb der Hütte gelegenen Brunnen, der vom Bergbach gespeist, eine luxuriöse Waschgelegenheit darstellt.

Oberreintalhütte
Oberreintalhütte
Foto: Sven Försterling

Nach dem Frühstück gibt es eine sprach-lich-geographische Einführung in das Oberreintal: Dreitorspitze, Oberreintaldom, Unterer Berggeistturm, Schüsselkar versuchen wir uns einzuprägen. Anschließend macht uns Robert im Klettergarten am Plattenschuß mit der Doppelseiltechnik und der Sicherung mit Magic Plate vertraut, damit wir für unser erstes alpines Unternehmen gewappnet sind. Ohne Verzögerung gehts gleich zu einem dieser eben genannten noch etwas fremdartigen Namen: Nordostkante des Unteren Schüsselkarturms – eine Route, die schon bei manchem Extremkletterer am Anfang seiner Karriere stand. Aber bis zum Einstieg wartet die erste Bewährungsprobe. Am Ende des Plattenschusses geht es über einen schmalen Pfad über Fels, Geröll und vor allem durch Latschenfelder in abschüssigem Gelände. Tief prägt sich Roberts Ermahnung ein, die wir dann auch respektvoll beherzigen: „An Latschen ziehen – aber niemals knicken“.

In der Nordwand erspähen wir schon einige bekannte Gesichter. Dann erreichen wir die kleine Gufel am Rand eines Risses. Robert geht vor, und Jenny und ich kommen in kurzen Abständen hinterher. Eike führt die zweite Seilschaft mit Olly. Mittendrin eine ausgesetzte Viererstelle, aber ansonsten alles Genusskletterei bei strahlendem Sonnenschein, allerdings zunächst im kühlen Schatten. Nach 6 Seillängen sind wir oben angelangt und stehen im gleißenden Sonnenlicht. Via Seilgeländer, das wir mit Prusik- und Bandschlinge begehen, hangeln wir uns bis zum Grat durch. Anschließend geht es zwischen Latschen hindurch zum Gipfel.

Das Loch in der Fahrradkantl
Das Loch in der Fahrradkantl
Foto: Sven Försterling

Nach einer Gipfelrast, bei der wir eine herrliche Aussicht bis zur Zugspitze genießen, seilen wir über eine Abseilpiste ab. Dank Doppelseiltechnik geht das sehr flink. Allerdings ist beim Abstieg nochmals viel Aufmerksamkeit gefragt. Abends ist nicht etwa Zeit für Kartenspielen oder Plauderstündchen, sondern es geht straff weiter: Einführung ins Topolesen – jeder darf das Topo seiner Traumroute malen. Bettreif schaffen wir es gerade noch hinter dem „Raum mit den tausend Rucksäcken“ die steile Treppe hinaufzuklettern. Nach Verklingen der letzten Gitarrenklänge im Gastraum, irgendwann nach Mitternacht, kehrt langsam Stille im Oberreintal ein. Es bleiben die leise vernehmlichen Schnarch- und Traumgeräusche übrig, die zur inneren Verarbeitung eines aufregenden Kletterertags notwendig sind.

Nach einer Musikeinlage schreckt uns wieder Hans’ Weckruf auf: „Des Wetta is schee, Koffee und Tee han fertig“. Nach einem reichlichen Frühstück treffen wir uns vor der Hütte zum obligatorischen Materialcheck, für den immer abwechselnd einer von uns verantwortlich ist. Leider gibt es schon den ersten Kranken zu beklagen, und Olly möchte den Tag lieber auf der Hütte verbringen. Danach geht’s nur noch zu viert zur legendären Fahrradelkant‘n. Dabei handelt es sich um den Oberreintaler Klassiker schlechthin. Laut Führer sollen Flickzeug und Luftpumpe nicht vergessen werden. Obwohl diese Route viel begangen ist, erwartet uns griffiger kompakter Fels, wie er fast überall im Oberreintal anzutreffen ist. Dieser ist zuweilen derart scharfkantig, dass wir immer aufpassen müssen, wohin wir greifen, damit unsere Finger nicht wie mit einer Rasierklinge zerschnitten werden.

SEike beim Sichern
Eike beim Sichern
Foto: Sven Försterling

Nach dem seilfrei zu erklimmenden Einstieg, der mit einem offiziellen Rad- und Fußweg-Schild gekennzeichnet ist, erreichen wir nach den ersten vier Seillängen Genusskletterei im 3. und 4. Schwierigkeitsgrad die eigentliche Schlüsselstelle, die aus einem Quergang besteht und mit einer 5- Stelle abschließt. Dort befindet sich an einem Haken hängend das Fahrradl, das bei dem ersten legendären Radrennen im Oberreintal bedauerlicherweise einen Totalschaden erlitten hat. Noch vier weitere Seillängen und wir klettern durch die wärmende Sonne die letzten Meter wieder an einem Seilgeländer bis zum Gipfel. Nach der Mittagsrast steigen wir bis zur ersten Abseilstelle ab, wobei Robert uns gründlich einschärft, bloß keine Steine loszutreten.

Abends ziehen mit einem Male Wolken auf, und es beginnt in der Nacht heftig zu gewittern. Am nächsten Morgen gibt es keinen Weckruf, sondern nur eine Schlechtwetterdurchsage: „Des Wetta is schlecht und Koffee und Tee han ned fertig“. Das Oberreintal ist heute mit Wolken verhüllt. Wir gehen in den benachbarten Klettergarten, der am Eingang zur Wolfsschlucht liegt. Zum Glück hat der Wetterbericht für den nächsten Tag wieder gutes Wetter mit typisch bayrischem weiß blauen Himmel versprochen. So starten wir wieder bei bestem Wetter zu einem weiteren Oberreintal-Uraltklassiker: der Milka – hat nichts mit Schokolade zu tun, sondern bedeutet so viel wie Militärkante.

Traumhafte 6 Seillängen durch schönsten Kalk – laut Führer eine äußerst humane Viererkletterei mit schöner Aussicht, Sonnenanteil bestens. Nach dem Motto „nicht hetzen aber zügig“ geht es geschwind nach oben, immer am Grat entlang durch besten Wettersteinkalk.Da vernehme ich ein deutliches „Stand“ und nehme den Halbmastwurf aus der Sicherung und rufe laut „Seil ein!“. Kurz danach fällt es mir wie Schuppen von den Augen, dass das „Stand“ nicht von Robert kam, sondern vom Vorsteiger der Seilschaft, die parallel zu uns durch die „Altherrenpartie“ steigt. Nach einem kleinen Schreck nehme ich Robert schnell wieder in die Sicherung und bin froh, dass trotz dieses unverzeihlichen Fehlers nichts passiert ist. Nach einigem Hoch und Runter erreichen wir die Scharte und schließlich den Gipfel des Unteren Berggeistturms, von wo uns, wie im Führer versprochen, eine tolle Aussicht zur Zugspitze und in die steile Nordwand des Oberreintaldoms vergönnt ist.

Jenny im Nebel
Jenny im Nebel
Foto: Sven Försterling

Nach einer Pause seilen wir bei immer noch schönstem Wetter über eine Abseilpiste ab, die sich bei Gewitter auch schlagartig in eine Steinschlagrinne und einen Wasserfall verwandeln kann. Nun kommen wir zu der Stelle, wo Robert bei einer Übungstour während eines Fachübungsleiterkurses beim Abseilen vom Unteren Berggeistturm beinahe ertrunken wäre und verstehen sein Drängeln beim Aufstieg. Nach so vielen Eindrücken und Erlebnissen ist die Woche schon fast zu Ende. Wir nehmen die letzte Tour in Angriff, die zugleich auch unsere Prüfungstour ist: Ostverschneidung des Zweiten Oberreintalkopfes. Erfreulicherweise ist unsere Truppe heute wirklich komplett, und alle sind wieder gesund! Eine der schönsten Vierertouren im Wetterstein, in der Riss- und Verschneidungskletterei überwiegt. Wieder einmal sind wir auf Jennys Intuition angewiesen. Sie erkennt als erste die wie mit dem Messer gezogene Linie, als wir im Scharnitzkar auf Höhe des Einstiegs sind.

Abstieg zur Hütte
Abstieg zur Hütte
Foto: Sven Försterling

Kurz vor einer markanten Gufel entsteht das Materialdepot. Dann geht es auch schon hinauf – die Felsen sind so messerscharf, dass wir immer höllisch aufpassen müssen wohin wir greifen. Herrliche Genusskletterei über den Wolken, da das Tal unter uns dicht verhangen ist und wir sogar etwas Sonnenschein abkriegen. Inversionswetterlage – so haben wir es in der Einheit Wetterkunde gelernt. Nach einem Klemmkeilopfer erreichen wir nach 10 Seillängen in bester Stimmung den Gipfelgrat. Nach steilem Schrofengelände und herrlichen Abfahrten durchs Geröll erreichen wir unser Materialdepot. Jetzt könnte es auch jeden Tag so weitergehen, aber Robert erwartet ja den nächsten Kurs und auf uns warten die Pflichten in der Welt, so dass wir am Samstag bei schönstem Augustwetter das Oberreintal durch das Gatterl wieder verlassen und den schönen Abstieg entlang der rauschenden Partnach wählen – um hoffentlich bald mal wieder zu kommen.

Teilnehmer: Robert Rurkowski (Leiter), Jennifer Lojewski, Oliver Ruth, Eike Schaarschmidt und Sven Försterling

Sven Försterling
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